„Die armen Tiere, sie müssen ihre Schönheit teuer bezahlen“, sagte John nach einer Pause. „Was nur unterstreicht, was ich gesagt habe. Die Menschen wollen alles Schöne einfangen und wegsperren, um dann in Scharen herbeizueilen und mit anzusehen, wie es nach und nach verendet. Darum ist es besser, man versteckt sein wahres Ich und lebt verborgen hinter einer Maske.“

Titel: „Mann im Zoo“ | Original: A Man in the Zoo (1924)  | Autor: David Garnett | dörlemann [klick] | Seitenanzahl:160 | Hardcover/Leinen | Einzelband

DAVID GARNETT

am 9. März 1892 in Brighton geboren, war er Schriftsteller, Buchhändler, Verleger, Kritiker und Mitglied der »Bloomsberries«. Dame zu Fuchs (1922) war der erste Roman, den David Garnett unter eigenem Namen veröffentlichte. Er erhielt dafür mehrere Preise. In zweiter Ehe war er mit Angelica Bell verheiratet, der Tochter seiner Freunde aus der Bloomsbury-Gruppe, den Malern Vanessa Bell und Duncan Grant, mit denen er eine Zeit lang in Charleston Farmhouse zusammengelebt hatte. Duncan Grant ist dieser Roman auch gewidmet. David Garnett verstarb am 17. Februar 1981.

„Homo Sapiens, Mensch, männlich. Dieses in Schottland geborene Exemplar ist eine Schenkung des John Cromartie. Die Besucher werden gebeten, den Menschen nicht durch persönliche Bemerkungen zu reizen.“

Dies steht auf dem Schild vor dem Käfig des 27-Jährigen John Cromartie. Doch wie kam es dazu, dass ein Mensch im Zoo ausgestellt wird? Die Antwort darauf gibt es bereits auf den ersten Seiten, wo John Cromartie und Josephine Lackett, ein überaus stures Paar sich heftig streiten. Für Josephine gehört John definitiv in den Zoo zu den Affen:

„Du bist Tarzan bei den Affen; du gehörst in den Zoo. …Du bist ein Überbleibsel; Atavismus allerschlimmster Sorte. … du solltest dich hier im Zoo einsperren und ausstellen lassen, den Gorilla zu deiner Rechten und den Schimpansen zu deiner Linken. Die Wissenschaft hätte ihre Freude an dir.“

Was als reine Provokation beginnt, endet als pure Realität.

John antwortet: „Wie du meinst, das werde ich tun.“

Also schreibt er eine gut durchdachte Bewerbung an den Zoodirektor, in der er erklärt, warum ein Exemplar des Menschen unbedingt im Zoo ausgestellt werden sollte. Zudem bietet er sich selbst für dieses Experiment an, mit der Bedingung, dass er Bücher mitnehmen darf, und bekommt eine Zusage. Relativ schnell zieht er dann in das Affenhaus ein. Der Käfig wird so ausgebaut, das er ein Herrenzimmer und ein Schlafbereich erhält um sich auch vor den Besuchern zurückziehen zu können.

Diese kommen in Massen, so viele, dass die Polizei den Zutritt regeln muss, weil die Leute natürlich den schon bald berühmten Homo Sapiens sehen wollen. In dem Affenhaus werden die Tiere eifersüchtig und wütend, weil sich keiner mehr für sie interessiert.

Am Anfang gelingt es John seine neue Situation gleichgültig zu ertragen, doch als ihm einfällt, dass Josephine auftauchen und ihn so sehen könnte, verzweifelt er vollkommen. Er liebt sie, aber es ist schon fast eine Hassliebe „Sie wird kommen, um mich zu quälen, es amüsiert sie, dass ich ihr ausgeliefert bin.“

Man kann sich nun schon denken, dass Josephine im weiteren Verlauf der Geschichte natürlich auftauchen wird. Sie ist in einem Gefühlschaos zwischen Wut, Scham, Stolz (vor allem ist sie extrem stolz) und Liebe. Insofern ist es eine Liebesgeschichte in einem meiner Meinung nach gesellschaftskritischen Roman.

Warum rennen die Menschen scharenweise in den Zoo, um einen der ihren zu sehen?

„Schon lange hatte er tagsüber nichts anderes zu Gesicht bekommen als die gemeinen Affen nebenan und die gaffende Meute, die Ersteren frappierend ähnelte (abgesehen davon, das die Meute weit weniger zur Anwesenheit gezwungen war als die Affen)…“ 

Und Josephine: „Sie schämte sich der Zuschauer, ihrer selbst und dieser schändlichen Welt, in der Menschen wie sie kaum besser als Tiere lebten. In ihr Gefühl von Scham mischte sich Angst, die mit jedem Schritt noch zunahm.“

Ein eleganter Karakal wird John ein Freund in der Einsamkeit, sie schließt sich ihm an und beide erfreuen sich an der Gesellschaft des anderen:

„Beide waren von Natur aus fröhlich und sportlich und verfügten über angenehme Umgangsformen, die die ungezähmte Wildheit ihrer dunklen Herzen erstaunlich gut überdeckten. Aber vor allem in ihrem übermäßigen und verbissenen Stolz ähnelten sie sich sehr. Stolz war in beiden die treibende Kraft aller Handlungen… Keiner unterwarf sich voll und ganz.“

Garnett, ein Mitglied der legendären Bloombury Group, führte anscheinend selbst ein recht unkonventionelles Liebesleben.

Er schafft es, den Leser in einer absolut verrückten Geschichte, auf eine sehr authentische Weise, an einem menschlichen Hin und Her wie auch an großen (und interessanten) Gefühlen teilhaben zu lassen. Was mir persönlich auch sehr gefallen hat war, dass er mit genialer Ironie spielen kann und die gesamte Situation unglaublich realistisch erscheinen lässt. Sodass man am Ende denkt „Ja klar, warum eigentlich keinen Menschen im Zoo ausstellen?“

Auf weitere tolle Geschichten und ein wenig Craziness in unserem Leben.

Liebe Grüße

Feyza (_FOEZ_)

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